Vokalwerk Christianskirche

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Taufengel in der Christianskirche

Bach inside/outside: 2 – Bohème

9. Oktober 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 - Folge 5
Von Igor Zeller

Freitag, 26. Januar 1990. 23:30 Uhr. Ich sitze vor dem Kamin in der Jugendherberge bei Olpe am Biggesee. Gemeinschaftsraum neben der großen Eingangshalle. Seit heute bin ich hier, mit dem Hochschulchor der Musikhochschule Köln. Erstes Semester. Hinter mir liegen zwanzig Monate Zivildienst in einer Behindertenwerkstatt der Arbeiterwohlfahrt, vor mir die große Freiheit. Wobei sich die zunächst ziemlich klein anfühlt. Ich habe gerade das elterliche Reihenhaus verlassen und wohne in einem winzigen "Wohnklo" am Südbahnhof in Köln. Das "Bermudadreieck" rund um die Zülpicher Straße ist eine Straße weiter. Die Musikhochschule wiederum liegt am Eigelstein, dem urkölschen "Veedel" zwischen Hauptbahnhof und Ebertplatz. Und der Radweg dorthin führt morgens am Rheinufer an der Kölner Altstadt vorbei und abends auch wieder zurück. Ziemlich viel Kneipe, ziemlich mittendrin, ziemlich wenig beschaulich. Und nun also mein erstes Probenwochenende mit dem Hochschulchor. Das Werk: Bachs h-Moll-Messe. Es haben schon Menschen mit weniger ein Studium begonnen.

An diesem Abend sitzen wir im Kaminraum, trinken Kölsch und reden über die großen Sinnfragen des Lebens. Irgendwann ziehen wir mit ein paar Leuten in die große Probenhalle. Dort steht das Klavier, das eben noch das "Gloria" und das "Et incarnatus" begleitet hat. Nun wird es reihum anderweitig in Betrieb genommen: Nicht Bach, sondern Beatles und BAP. Dann Tischfußball. Wieder Kaminraum. Wieder Sinn-Gespräche. Später, so gegen 2 Uhr, laufen wir den Waldabhang hinunter Richtung Biggesee. Und so weiter. Am nächsten Morgen Frühstück um acht, Probe um neun. Unseren schlechten stimmlichen Zustand schreiben wir (fälschlicherweise) der fordernden Probentechnik des Chefs zu. Macht nichts, es geht weiter. Das Credo mit seinem hämmernden Puls, jetzt fast besser als "Lady Madonna" in der Nacht. Das Sanctus, ekstatische Klangflächen, abgedrehter als Pink Floyds "Great Gig in the Sky". Und am Ende das Dona nobis pacem mit seiner irrwitzigen Steigerung und dem gleißenden Plateau - wozu eigentlich noch "We are the Champions" von Queen?

Und mittendrin Johannes Hömberg, unser Chorleitungsprofessor. Ein kantiger Westfale aus Bochum. Sperrig, meistens unbequem und ganz sicher kein Kuschelpädagoge. Ein Typ, an dem man sich reiben konnte, reiben musste. Vieles von dem, was er uns vorlebte, wollten wir als junge Leute genau so nicht machen. Und trotzdem hat uns seine Energie geprägt. Wenn ich heute auf Chorleitungsdozentinnen und -dozenten schaue, begegnen mir oft unglaublich smarte, nette, patente und hochkompetente Menschen. Aber diese Reibung an einem solchen Urtyp habe ich später nur noch einmal erlebt: bei meiner letzten Gesangsprofessorin, der großen "Königin der Nacht", Edda Moser.

Hömbergs besondere Qualität war nicht die musikalische Perfektion. Andere haben mit ihren Chören sauberer intoniert, schöner phrasiert, wieder andere waren erfolgreicher. Seine Verweigerung der Mittelmäßigkeit ging tiefer. Bei ihm war es eine Unbedingtheit, der Musik zu folgen. Als müsste man sich ihr samt ihrem Inhalt auf Gedeih und Verderb aussetzen, statt sie nur zu gestalten oder zu genießen. Es war wie im "Club der toten Dichter", der in meinem ersten Semester gerade in den Kinos war. Dort wurde Henry David Thoreau zitiert: "Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen. Um alles auszurotten, was nicht Leben war, damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte." Ab jetzt war Bach für mich nicht nur Gemeinschaftsmusik, seine Noten wurden meine tiefen und dunklen Wälder, in die ich pfeifend hineinlief.

Ein paar Jahre später mache ich schon wieder Aufnahmeprüfung: Kirchenmusik in Hamburg. Ich habe zehn Jahre ordentlich in der Gegend herumstudiert und -gefeiert, bin inzwischen Schulmusiker, Sänger, elementarer Musikpädagoge und Diplom-Organist. Nun wäre eine gute Gelegenheit, mal was Zielgerichtetes zu tun. Meine Lebens-Stelle finde ich durch Zufall ausgerechnet als das, was ich ursprünglich nicht werden wollte: Kirchenmusiker. In Ottensen wollen sie nun gerade einen, der "anders" ist. So kann´s kommen. Meine realistische Gehirnhälfte rät freundlich, aber dringend zum Erwerb auch der formalen Qualifikation. Also wieder Hochschule, berufsbegleitend, dieses Mal allerdings nicht Eigelstein, sondern Harvestehude. Und irgendwas ist an der Alster anders als am Rhein: Nach den Chorproben gehen alle nach Hause - und von Probenwochenende keine Spur! Ich bin fassungslos. Wie um Himmels willen soll man große Musik als Student ohne "Olpe" begreifen, und sei es auch in Plön, Ratzeburg oder meinetwegen Rotenburg an der Wümme? Heute weiß ich, dass das Quatsch ist. Bach funkt auch auf anderen Frequenzen als auf Starkstrom. Und abgesehen davon: Tischkicker und Nachtwanderung war bei mir mal, heute geht´s zeitig ins Bett. Man lässt halt nach, die Schulter schmerzt auch so schon. Und als Chorleiter gibt es zahlreiche und stichhaltige Gründe, Chor-Geselligkeiten dem Chor zu überlassen. Und doch ist der Ruf der Waldabhänge am Biggesee nie ganz verstummt ...

Mit Johannes Hömberg singe ich 1993 dann auch die Matthäuspassion: im Großen Saal des Tschaikowsky-Konservatoriums in Moskau. Unter Bedingungen des Kriegsrechts, es läuft gerade der zweite Putsch gegen Boris Jelzin, das weiße Haus wird vom anderen Ufer der Moskwa beschossen. Beim Schlusschor steht das Publikum in Mänteln in den Reihen und alle klatschen im Rausgehen. Denn Sperrstunde ist 23 Uhr und danach wird jeder, der sich auf der Straße befindet, in Polizeigewahrsam genommen. Im Herbst 1994 habe ich dann mein nächstes, einschneidendes Bach-Erlebnis noch einmal 3500 Kilometer weiter östlich, in Tomsk in Sibirien. Dort hängt in einem merkwürdigen Hotelzimmer an der Wand ein Plastikradio. Mehr davon am nächsten Freitag.